
Kurs Süd-Süd-Ost
Es war neblig. Es war eigentlich immer neblig. Trotz, dass ein leichter Wind wehte. Die Sicht war nicht gut. Höchstens 50 Meter weit. Das Wasser kräuselte sich und ein paar kleine Wellen brachen gegen den hölzernen Schiffsrumpf. Ganz leise wahrzunehmen, man musste sich schon sehr konzentrieren, um das zu hören. Das Wasser ringsherum roch abgestanden, etwas modrig, so, als wenn lange keine Strömung mehr da war oder ein Austausch stattgefunden hat. Es roch nach modrigem Stillstand.
Eigentlich eine ungnädige Situation für dieses schöne Holzschiff, was nur vor sich hin dümpelte.
Die Segel waren halb gehisst. Besser gesagt: Sie waren nur halb hochgezogen. Einige fehlten ganz, Sie waren noch in die Kisten hinein geknüllt, in denen Sie schön zusammengefaltet lagern sollten.
Und mit den halben gehissten Segeln und dem wenigen Wind dümpelte das Schiff einfach so auf dem großen Wasser. Und das Wasser erschien sehr trüb. Man konnte nichts erkennen im Wasser, alles war so undurchsichtig. Der Nebel drum herum trug seinen Teil bei. Es gab nichts zu sehen.
Wohin sollte die Reise gehen? Kein lohnenswertes Ziel tat sich am Nebel-Horizont auf! Nichts zeigte sich. Das Meer meint es schlecht.
Sowieso ist das Leben nicht nett. Immer wieder passiert etwas Schlimmes, und die Crew hatte größte Mühe damit klar zu kommen. Letzten Monat war es die Riesen-Welle, die das Schiff fast zum Kentern gebracht hatte. Gerade so, auf Messers Schneide, wurde das Schiff gerettet. Tagelang wurde das Wasser wieder heraus geschöpft, die zerbrochenen Dinge repariert und die Sachen getrocknet. Und dann die ganzen Verwundungen: Blaue Flecken und Verstauchungen, aufgeschnittene Hände und abgeschürfte Hautstellen. Zum Glück keine Brüche oder Schlimmeres.
Und vor der Riesen-Welle war es die große Krake, die das Schiff festhalten wollte, weil Sie so allein war. Und vor der Krake war es, … Pause…
...man weiß es nicht mehr genau. Aber irgendetwas passiert hier immer. Wir sind den Launen der Natur ausgeliefert.
Und die Erinnerungen daran? Es ist auch nicht gut, sich an alles Schlechte erinnern zu können. Schön ist, wenn die Dinge verblassen und in Vergessenheit geraten. Darin sind alle hier mittlerweile sehr geübt.
Dümpeln meint übrigens auch: Das Schiff folgte jedem Wellengang, jeder Wasserbewegung.
Diese Bewegungen machen schnell und nachhaltig seekrank. Fast alle hier sind seekrank. Viele nehmen es gar nicht mehr wahr, weil es Teil der Normalität geworden ist. Immer diese gewisse Grundübelkeit.
Das Schaukeln verursacht auch das Schlagen der Segel. Da zu wenig Wind da ist, um die Segel straff zu halten, schlagen Sie häufig von der einen Seite zur anderen Seite. Wie ein langsamer Trommelschlag.
Und dann der häufige Streit zwischen dem Steuermann und dem Kapitän.
„Wohin fahren wir Kapitän“, fragt der Steuermann mehrmals am Tag. Und der Kapitän reagiert manchmal aggressiv und manchmal verzweifelt und niedergeschlagen: „Ich weiß es doch auch nicht…“. „Sollen wir nach Norden oder Süden?, sollen wir nach Westen oder Osten?… ich weiss es doch auch nicht. Lasst mich einfach alle in Ruhe mit diesem Scheiß! Ich will damit nichts mehr zu tun haben.“
„Aber Kapitän“ erwiderte der Steuermann, „Du bist der Kapitän, es ist deine Aufgabe, den Kurs zu bestimmen, die richtigen Befehle zu geben, dich um deine Mannschaft zu kümmern…“. Und meist verschwand der Kapitän dann in seiner Kabine und ward lange nicht gesehen.
… die Mannschaft…, ja. Die Mannschaft war durchweg demotiviert und niedergeschlagen. So eine lange Durstphase hatten sie noch nie erlebt. Und der Kapitän, was war nur mit ihm los? So hatten sie ihn auch noch nicht erlebt. Aber an eine Meuterei dachten sie nicht. Sie hielten zu ihrem Kapitän und machten ihren Job, so gut sie es konnten: Takelage ordnen, Segel trocknen, Deck schrubben, Fische angeln, so dass es was zu essen gab, Regenwasser sammeln und Rum-Flaschen zählen. Lieder singen, damit die Laune einigermaßen oben war, und manchmal auch etwas tanzen.
Aber nur wenn der Kapitän nicht zuschaute, denn Tanzen mochte der Kapitän gar nicht. Generell war der Kapitän eher mürrisch und ernst. Kaum jemand hat mal ein Lächeln gesehen, oder eine freudige Regung. Leichtigkeit kannte er nicht und „alberne“ Sachen machen, wie tanzen und herum hopsen mochte er schon gar nicht... wobei er das als Kind doch selber gerne gemacht hatte.
Es gab Zeiten, da segelte das Schiff über weite und schöne Meere. Mit blauem Himmel darüber und Wind in den Segeln und einem tiefblau-grünen Ozean unter dem Schiff. Delfine begleiteten das schnittige Schiff, wenn es in schneller Fahrt sich den Weg durch die See schnitt. Halb am Wind, in schöner Kränkung mit ordentlich Fahrt hin zum nächsten Abenteuer.
Es war ein schnelles Schiff, ein elegantes Schiff. Eben so, wie ein schönes Holzschiff eben sein kann: Schnittig, stabil und belastbar, weich, nachgiebig und auch etwas elastisch, so dass die schlimmsten Wellenberge und Stürme es nicht brechen konnte. Es war auch warm, wenn es draußen kalt war, und schützte die Crew vor dem rauen Wetter.
Von außen betrachtet war es eher Schlicht. In schöner Linienführung aber kein Glitzer- oder Chi-Chi. Das schönste an dem Schiff war, dass man das alte Mahagoni-Holz des Rumpfes sehen konnte. Jede Planke, jeder Holznagel, alles war sichtbar und im guten Zustand. Die Masten waren auch aus Mahagoni, unten stark und dick und nach oben hin immer schlanker werdend, um die notwendige Elastizität bei starkem Wind zu haben. Die Wanten waren stark, und Sie hielten die Masten stabil zum Rumpf in Position. Das Deck oben war aus altem Teak-Holz gearbeitet. Natürlich unbehandelt, so dass es schön grau strahlte. Aufbauten gab es wenige. Im Inneren des Rumpfes war die Mannschaft untergebracht, jeder hatte eine eigene Koje und nur der Kapitän hatte eine einzelne kleine Kabine. Es roch unter Deck immer und viel. Es war eine bunte Mischung aus altem, abgestandenem Meerwasser (Brackwasser), was in der Bilsch (die tiefste untere Stelle in der Innenseite des Bootes) anstand. Denn ein Holzschiff ist nie wirklich „wasserdicht“. Wasserdicht wird es erst, wenn das Holz beidseitig Wasser bekommt, und sich entsprechend „voll-saugen“ kann. Also: Brackwasser gemischt mit Mahagoniholz. Eine wundervolle Kombination!
Weiterhin gab es ein paar Essensgerüche und natürlich die Ausdünstungen der Mannschaft. Wobei Letzteres nach kurzer Zeit nicht mehr wahr genommen wurde… Hurra!! Das Schiff war ein eigener Organismus aus ganz vielen kleinen Einzelbestandteilen. Und wenn es schnell durch die See pflügte, dann ging es allen gut!
Irgendwann, zu einem nicht mehr bekannten Zeitpunkt, machte sich Unsicherheit beim Kapitän breit. „Ich habe gehört, die See ist gefährlich“ sagte er einmal, und blieb dann ein lange Zeit mit dem Schiff auf der Stelle liegen. Die Segel blieben unten.
Ein anderes mal meinte er, er müsse eine Pause haben, denn das zur See fahren wäre sehr anstrengend. Und die Segel blieben unten.
„Was halten die Anderen von mir, wenn ich immer zur See fahre? Ich sollte besser einfach hier still liegen bleiben, und nichts mehr machen“. Und die Segel blieben unten.
„Ich möchte es den Anderen recht machen, und deshalb segeln wir nicht, sondern bleiben hier“. Und die Segel blieben unten.
Je mehr das Boot still stand, desto schlechter wurde alles.
Das Wetter, die Farbe des Meeres, der Wind, die Stimmung der Mannschaft und die Beschaffenheit des Schiffes. Irgendwann bestand das Sein nur noch aus dem täglichen „vor-sich-hin-vegetieren“. Der Nebel um das Schiff herum wurde zum Dauerzustand, genauso wie die Flaute und die permanente Antriebslosigkeit.
„Warum rettet mich keiner?“, rief der Kapitän lautstark hinaus ins Meer.
Es kam keine Antwort.
„Es muss jemand kommen, und mich retten“, dachte er immer häufiger.
„Jemand soll mir sagen, was zu tun ist. Welche Richtung soll ich fahren? Und ob ich überhaupt fahren soll…“
„Wer bin ich eigentlich?“
„Was will ich eigentlich?“
„Wozu bin ich eigentlich hier auf diesem Schiff?“
Eine Antwort darauf kam irgendwann viel später in den frühen Morgenstunden, als er kurz davor war aufzuwachen. Eine Stimme sagte: „Die Antwort liegt in dir, in deinem Herzen. Frag dein Herz, und mache das, was dein Herz zum Leuchten bringt“
Uihh…., dachte der Kapitän. Wie soll denn das gehen? Für so etwas bin ich doch zu blöd, außerdem: Herzen sprechen nicht, die schlagen normalerweise, oder stolpern mal ab und zu…, aber sprechen?
Und so lag er Tage später wiederum in seiner Koje, in seiner Kabine, in seinem schönen, aber mittlerweile herunter gekommenen schnittigen Holzschiff und fing an mit seinem Herzen zu sprechen.
Es passiert zunächst gar nichts.
Erst nach etlichen Anläufen und Versuchen, und nach einer ganzen Weile, hörte er ganz leise, wirklich nur ganz ganz leise folgendes:
„Das was dir ein wohliges warmes Gefühl in deiner Brust bereitet, das was dir kindliche Freude macht, das was dich und jeden Anteil in dir strahlen lässt, das was dich vollständig ausfüllt. Das was dich albern und lachend sein lässt, das was leicht und wunderschön ist, was nicht fordert, sondern nur ist. Suche, wie ein Kind, das Abenteuer deines Lebens. Da ist dein Kern, da ist dein Sein, da bist du. Es ist egal was du machst, es ist egal wo du es machst oder mit wem. Hauptsache, du fühlst dich vollständig und mit einem Leuchten im Herzen und dem Feuer in den Augen. Hauptsache du brennst dafür.
Auha… dachte der Kapitän. Na… das ist ja... Kann ja so schwer nicht sein, oder?
Und so sinnierte er noch etwas drüber nach, was es denn wohl sein könnte, was ihn in diesem Zustand bringen könnte. Und da war es dann! Völlig klar und direkt vor seinen Augen!
Segeln! Hart am Wind! Schöne schnelle Fahrt! Blauer Himmel! Tiefgrün-blaues Meer und die Delfine! So geht das! Und das Herz leuchtete!
Und das Wetter klarte auf, und der Wind brauste auf, und die Mannschaft machte das Schiff klar und der Anker wurde gehisst.
Der Steuermann fragte: „Welche Richtung Kapitän?“
„Kurs Süd-Süd-Ost“, sagte der Kapitän voller Überzeugung.
Und dann ging es in Richtung Süd-Süd-Ost.
Und das Schiff war schnell, der Himmel war klar und weit, die See war tiefgrün-blau und die Delfine hatten Mühe mitzukommen und alle strahlten vor Glück.
Abends fragt der Steuermann den Kapitän: „Was ist denn in Richtung Süd-Süd-Ost, Kapitän?“
„Was genau, das weiß ich nicht. Aber es schenkt uns Leuchten im Herzen und Feuer in den Augen. Und darauf kommt es an. Den Rest finden wir schon heraus“ sagt der Kapitän.
Wichtig ist nicht, was wir dort finden, sondern, dass es sich gut anfühlt.
„Eye-Eye“ sagte der Steuermann mit einem breitem Grinsen im Gesicht.
Teil der zweijährigen Ausbildung zum energetisch schmananischen Heiler 2024 - 2026
Meine tiefe Dankbarkeit an Larissa Scheermann
